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  • Nikola Materne

4) Tipps zum Singenüben und -lernen

In dieser Folge geht es ums Lernen und ums Üben beim Singen und was dir dabei helfen kann.


Alle meine Podcastinhalte speise ich ja aus meiner Erfahrung als Sängerin, aber vor allem auch als Vocalcoach. Und ein großes Fragezeichenthema bei meinen Schülerinnen und Schülern ist immer wieder: Wie übe ich denn am besten das Singen? Wie immer werde ich auch hier keine konkreten Gesangsübungen vorstellen, sondern möchte mich eher mit dem so genannten Mindset beschäftigen, also den Vorstellungen und Ideen, die du mit dem Üben und Lernen verknüpfen kannst, um die richtige Motivation zu finden und wirklich was zu lernen.


Tatsächlich ist das Üben mit der Stimme ja viel schwerer zu greifen, als das Instrument Üben. Ich habe z.B. jahrelang Klavierunterricht gehabt und kann mich noch gut daran erinnern, wie sich das anfühlt, wenn die Finger bei einem neuen schweren Stück ganz langsam und ungelenk über die Tasten kriechen und andauernd falsche Töne spielen. Jedes Mal beim Üben wird es etwas geschmeidiger, man kann den Fingern quasi dabei zusehen, wie sie immer geschickter über die Tasten gleiten, der Bewegungsablauf funktioniert immer automatischer und irgendwann dann ohne groß nachzudenken.

Beim Singenüben passiert eigentlich etwas ganz ähnliches, auch hier werden die Muskelbewegungen und -abläufe immer geschmeidiger und automatischer. Aber weil vieles davon im Körperinneren passiert, können wir nicht dabei zusehen, wie es beim Klavierspielen der Fall ist. Oft sieht man von außen gar keine Veränderung, auch wenn sich innere Einstellungen so verändert haben, dass das ganz deutlich zu hören ist. Außerdem kann man die Muskelbewegung z.B. der Hände beim Klavierspielen sehr gut fühlen und kontrollieren, aber viele innere Muskelvorgänge kann man nur indirekt oder nur mit Übung direkt ansteuern.


So ist es z.B kein Problem, die Fingerkuppen von Daumen und Ringfinger aufeinanderzutippen, aber probier mal, die Stimmbänder aneinanderzulegen und wieder zu öffnen…Wie soll das denn gehen, fragen sich bestimmt einige - andere, die sich mit der Stimme etwas auskennen, können das ausführen. Von außen sehen kann man diese Bewegung gar nicht, von innen fühlen wenn nur ganz leicht und diffus.


Deshalb sollte jeder, der Singen üben möchte, seine Wahrnehmung schulen. Wie hört es sich an, wenn du eine Übung machst? Wo gibt es im Körper kleine Veränderungen? Wo sind Schwingungen zu fühlen? Was kannst du vielleicht doch von außen sehen? Das alles ist nicht so greifbar und handfest, wie bei einem Instrument, sondern spielt sich meistens sehr fein und in kleinen Veränderungen ab.

Für manche ist dieses feine Fühlen und Hören erst mal eine Herausforderung, das kann einen wirklich ungeduldig machen. Viele sagen dann: „Sag mir einfach wie es geht und ich mach das dann.“ Tja, so funktioniert das leider nicht, du kommst nicht drumherum, dir beim Singen jede Übung durch deine eigene Wahrnehmung zu erobern, das kann dir niemand mit einem Trick 17 abnehmen. Und das ist ja auch auf keinen Fall immer mühsam, da gibt es manchmal Übungen, die macht man und merkt sofort, dass es besser klingt oder leichter wird. Manche Veränderung flutscht aber nicht sofort, da muss man dranbleiben und den Weg suchen. Ich kenne das selber beim Singenüben auch gut: Da gibt es richtige Aha-Momente, wo man denkt: „Wow, so geht das also, wieso hab ich das bloß vorher immer so kompliziert gemacht.“ Aber andere Themen haben mir manchmal echt den Nerv geraubt, z.B. habe ich lange gebraucht, ohne einen hörbaren Bruch vom Kopf- ins Brustregister zu wechseln. Ich mach das mal vor: Vorher ... – nachher... (sorry, liebe*r Blogleser*in, das kann man leider nicht schreiben ;-). Das hat viel Zeit und Übung gebraucht, dass der Knacks in der Mitte weggeht.



Grundsätzlich funktioniert dieses Körperlernen aber wie gesagt trotzdem wie beim Klavierspielen: Durch Wiederholung lernt der Körper, die Bewegung immer leichter und selbstverständlicher auszuführen.


Um die Vorgänge im Gehirn dabei zu verdeutlichen, nehme ich mal wieder ein Beispiel: Ninas Stimmsound klingt beim Singen von höheren Tönen gedrückt , das gefällt ihr nicht gut, außerdem fühlt es sich anstrengend an. Mir fällt auf, dass sie ihren Unterkiefer immer weiter nach vorne schiebt, je höher die Töne werden, die Muskeln um den Kiefer werden dabei fest. Sie selber hat das gar nicht gefühlt, so automatisch und unbewusst ist dieser Bewegungsablauf. Im Spiegel kann sie ihn aber sehen und wenn sie einen Finger auf das Kinn legt, fühlt sie ihn auch. Jetzt legt sie ihre Hände an ihre Wangen und hilft ihrem Kiefer, eher nach unten zu öffnen, wenn die höheren Töne kommen, dabei versucht sie, die Bewegung sanft und möglichst leicht zu machen. Der Klang in der Höhe wird dadurch freier und das Singen weniger anstrengend.


Das kann sie jetzt immer mal wieder zu hause ausprobieren und die Bewegung durch Wiederholung immer selbstverständlicher machen. Dabei werden, statt der alten, gewohnten Herangehensweise mit der ungünstigen Kieferbewegung, neue Verbindungen im Gehirn geschaffen und immer mehr ausgebaut und verbessert. Aus einem ersten Trampelpfad wird so allmählich eine gut ausgebaute Straße. Dieses Bild hilft mir beim Üben immer, wenn es mir nicht schnell genug geht. So ein Straßenbau braucht eben seine Zeit. Am Anfang der Lernphase nimmt Ninas Körper immer mal wieder die alte gewohnte Straße und der Kiefer wird wieder fest und geht etwas nach vorne, aber irgendwann ist die Benutzung der neugebauten Straße ganz selbstverständlich und sie braucht gar nicht mehr daran zu denken, das passiert dann von allein. So etwas kennst Du vielleicht aus sportlichen Bewegungsabläufen, ich nehme mal das Schlittschuhlaufen: Am Anfang eiert man auf dem Eis herum und fällt andauernd hin, aber nach und nach erlernt man die Bewegung und kann dann sogar nach jahrelanger Pause aufs Eis und ist relativ schnell wieder sicher.


Diese Art von Wiederholungsübung kann man allerdings nicht stumpf einfach ganz oft durchziehen in der Hoffnung, dass es dann gelernt ist, sondern muss beim Singen immer wach und aufmerksam in der Wahrnehmung bleiben, um zu fühlen und zu hören, ob man immer noch etwas Gutes übt und wiederholt oder ob sich irgendwo auf dem Weg etwas ungünstiges eingeschlichen hat. Für unsere Beispielsängerin Nina muss sich die andere, lockere Kieferöffnung beim Üben immer gut anfühlen und einen verbessernden Effekt auf ihre Stimme haben, sonst stimmt was nicht und es gibt keinen positiven Lerneffekt und am Ende auch keinen erfreulichen Erfolg.


Das führt mich zu einem wichtigen weiteren Aspekt beim Lernen und Üben: Den Spaß! Viele denken bei den Wörtern „Lernen“ und „Üben“ automatisch an etwas Mühevolles, vielleicht sogar Quälendes. Alle möglichen schlechten Erfahrungen z.B. aus der Schule führen dazu, aber auch, weil das Lernen irgendwie ein schlechtes Image hat. Dabei ist es für Menschen das Selbstverständlichste überhaupt und obendrein auch überlebenswichtig, lebenslang zu lernen. Vor allem bei Kindern geht das auch megaschnell und ist mit jeder Menge Spaß und Entdeckerfreude verbunden, was vielen im Laufe des Erwachsenwerdens gründlich vermiest wird. Gehirnforscher haben aber längst herausgefunden, dass man viel schneller und auch mehr lernt, wenn man dabei ein gutes Gefühl hat.


Wie kannst du also so ein gutes Gefühl beim Singenüben bekommen?


Hier meine Tipps: Setz dir zuallererst ein realistisches Ziel. Wie viele Übesessions wirst du in der Woche schaffen? Und wie lang sollen die sein? Vielleicht passt es für dich am besten, jeden Tag fünf Minuten zu üben. Oder zweimal pro Woche eine Viertelstunde? Besser als nichts! Du kannst auch mal zwischendrin trällern, im Bad, im Auto, beim Putzen… egal wann und wo, jedes Singen mit Spaß ist gut und übt dich! Vielleicht kannst Du aus deiner Übezeit ein richtiges Ritual machen, sowas wie „jeden Montag und Donnerstagabend um halb 8“ oder „jeden Tag fünf Minuten nach der Arbeit oder Schule zum runterkommen und in die Freizeit starten“.

Auch in der Übesession selber: Mach nicht zu viel, sondern konzentriere dich auf eine Sache, die du schaffen kannst. Viele blockieren sich mit viel zu hohen Erwartungen oder zu vielen Übungen oder suchen sich Ziele, die sie gar nicht erreichen können, was dann nur frustriert.

Geh nicht mit dem Bild von Arbeit und Anstrengung ans Üben, sondern nimm Üben als ein leichtes Spiel und einen freien Ort für Experimente. Da darf auch mal was schief gehen! Be- und verurteile dich so wenig, wie es nur geht, mach dich nicht selber runter! Hab Geduld mit dir! Stell dir am besten ein kleines Kind vor, das laufen lernt und dabei immer wieder hinfällt und aufsteht und weiterprobiert und stolz auf jeden Schritt ist. Das ist dein Vorbild!


Das gilt vor allem fürs Üben von Ausdrucksstärke, z.B. mit den Übungen aus meinem Buch. Singen, und dabei vor allem Gesangsinterpretation, ist ein kreativer Vorgang und Kreativität wird schon im Keim erstickt, wenn man sich Druck macht, zu schnell Ergebnisse haben will oder sich mit Gedanken stresst wie „Das ist ja alles langweilig was ich mache oder albern oder zu übertrieben usw. usw.“ Üben ist dein geheimes Labor, wo du Sachen ausprobierst, Deine Werkstatt wo du in aller Ruhe alles austesten kannst. Wenn du dann irgendwann bereit bist, kannst Du mit deinen Ergebnissen auch nach draußen gehen und anderen Menschen was vorsingen. Deine Übesession aber ist dein sicherer Ort, schütze ihn auch dadurch, dass du dich nicht durch dein Handy oder andere Ablenkungen stören lässt.


Und noch etwas wichtiges: Beim Singenüben geht es nicht immer gleichmäßig bergauf. Manchmal gibt es Entwicklungsflauten, wo sich scheinbar gar nichts tut, dann wieder Sprünge, wo einem auf einmal ein Licht aufgeht und Dinge klarer werden und etwas plötzlich leichter geht. Und manchmal geht es sogar bergab in eine Stimmkrise. Die kann durch Krankheiten, wie z.B. Infektionen, ausgelöst werden, aber auch durch persönliche Schwierigkeiten wie z.B. zu viel Stress oder Unzufriedenheit. Manchmal „tarnt“ sich auch ein neuer, positiver Entwicklungsschritt als Krise. Dann singt man schlechter oder fühlt sich beim Singen unwohl, das ist aber quasi das Chaos vor einer Neuordnung. Dann löst man sich vielleicht gerade von einer ungünstigen Art zu singen und die neue ist noch nicht ganz abrufbar.

An dieser Stelle möchte ich Dir , wenn du dazu noch mehr wissen möchtest, mein Buch „Popvocals – Der Weg zur eigenen Stimme“ empfehlen. Da gibt es ein noch viel umfangreicheres Kapitel zu Themen wie Üben und Stimmentwicklung, Entwicklungsschritte, Stimmkrisen, Stimmgesundheit, Gesangsunterricht und vieles mehr rund ums Popsingen. Das Buch findest Du u.a. auf meiner Homepage liveyoursong.de



Noch eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Gibt es Übungen, die immer und bei jedem funktionieren? Klare Antwort: Nein! Es gibt auf jeden Fall tolle Gesangs- und Ausdrucksübungen und tolle Lehrer*innen/Coaches, die sie beibringen, aber eins ist klar: Wir sind keine Maschinen, bei denen man nur den richtigen Knopf drücken muss und die Sache läuft. Wir sind komplexe Wesen mit bestimmten körperlichen Voraussetzungen, mit Begabungen und Vorlieben, Schwächen und Abneigungen. Wir haben Hemmungen, Ängste, gute und schlechte Tage, gute und schlechte Erfahrungen usw. und all das spielt in unsere Stimme und unsere Lern- und Leistungsfähigkeit beim Singen. Und das ist auch gut so, denn es macht jeden einzigartig! Ob eine Übung funktioniert, ist also sehr individuell. Das ist wichtig zu wissen, um nicht frustriert zu sein, wenn jemand eine Übung total anpreist und du nichts damit anfangen kannst.


Es könnte natürlich auch daran liegen, dass du einfach nur Hilfe brauchst, um eine Übung besser zu verstehen. Man kann sich ja über Bücher und Onlinetutorials in puncto Popgesang sehr gut weiterbilden, aber da stößt man auch manchmal an Grenzen. „Wie hat die das in ihrem Videotutorial bloß gemeint? Ich versteh das nicht, wenn ich das so mache, klingt das gar nicht gut…“ Manchmal ist es eben doch besser, wenn sich jemand mit Knowhow, also ein Gesangscoach, mal anguckt und -hört, was du da machst und dich unter Umständen korrigiert und hilfreiche Anregungen gibt. Da kommen wir nochmal zum Anfang dieser Folge: Singveränderungen kann man manchmal kaum oder gar nicht von außen sehen, oft nur indirekt fühlen und sie sind sehr fein und subtil. Da ist es alleine manchmal schwierig mitzukriegen, wo man vielleicht einen Fehler bei einer Gesangsübung macht. Also probier doch mal Gesangsunterricht oder einen Gesangsworkshop aus. Ein positiver Effekt der blöden Coronazeit ist, dass es inzwischen auch vielen guten Onlineunterricht gibt, man kann also auch mal von jemandem gecoacht werden, der weit weg wohnt.


Und dazu noch eine letzte Anmerkung: Wenn du Pop singen möchtest, empfehle ich Dir Unterricht bei einem Lehrer/einer Lehrerin zu nehmen, der oder die ein Herz für Pop hat, also entweder jemanden, der oder die sich darauf spezialisiert hat oder zweigleisig fährt, also Klassik und Pop unterrichtet. Reiner Klassikunterricht ist nicht voll und ganz auf Pop übertragbar!



Die nächste Folge, also Folge 5, wird ein kleines Weihnachtsspecial sein, mit dem ich mich dann für dieses Jahr verabschiede, um im nächsten Jahr mit vielen weiteren Themen diesen Blogfortzuführen.


Wenn du Lust hast auf konkrete Übungen, mit denen du deine Ausdruckskraft stärken kannst, dann empfehle ich dir mein Buch „Live Your Song“ und meine kostenlosen Tutorials, beides findest du unter www.liveyoursong.de.


Über Weiterempfehlungen dieses Blogs, z.b. Bei Instagram, freue ich mich natürlich sehr, danke fürs Lesen!

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