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  • Nikola Materne

5) Das Weihnachtsspecial 2020

Last Christmas - Die Frankensteinversion


Hallo liebe Leserinnen und Leser, heute gibt es ein kleines Weihnachtsspecial, mit dem ich mich für dieses Jahr verabschieden möchte.


Für das nächste Jahr habe ich schon viele spannende Themen für diesen Blog geplant. Ich werde mich z.B. mit der Frage beschäftigen, ob es so was wie die „eigene“ Singstimme gibt und wenn ja, wie man sie finden kann. Ich habe ein paar schöne Techniktools gesammelt, die beim Singenüben helfen können, kümmere mich um die Pole "Ruhe/Entspannung" auf der einen und "Aktion/ Spannung" auf der anderen Seite, um mentales Training im Gesang, um Angst vorm und beim Singen und vieles mehr.


Erstmal aber geht dieses sehr ungewöhnliche Jahr bald zu Ende und ich möchte gar nicht so viel darüber schreiben, was gerade alle Kulturschaffenden durchmachen. Ihr erlebt es ja selber, entweder, weil ihr als Sänger/Sängerin nicht auf die Bühne dürft oder weil ihr die Musik nicht live erleben könnt, die ihr liebt. In einer riesigen Menschenmasse einen Superstar performen hören und sehen, im kleinen Club dichtgedrängt die Musik der Lieblingsband mitsingen, im vollen Konzertsaal toller Musik lauschen, das alles geht zur Zeit nicht.

Ich will das gar nicht schön reden, möchte euch aber trotzdem auch ein paar positive Erkenntnisse aus diesem Jahr mitgeben. Ich bin jetzt schon, wenn man meine ersten schüchternen Soloauftritte in der Schulband mitzählt, seit nahezu 40 Jahren Sängerin und ich habe auch dieses Jahr erleben dürfen, dass das Singen nie langweilig oder zu routiniert wird, wenn man immer wieder bereit ist, mit seinem Publikum in Kontakt zu treten, Emotionen zu vermitteln und auch aufzunehmen und sich zu öffnen und zu zeigen. Leicht ist das tatsächlich nicht immer… Dazu hier ein Auftrittserlebnis, das mich emotional sehr gefordert hat: Ich habe im Frühling diesen Jahres bei einer Beerdigung gesungen, die unter strengen Coronabedingungen stattfinden musste. Der an Covid-19 Verstorbene war ein Mann, der mitten im gesellschaftlichen Leben gestanden hatte und bei der Trauerfeier, zu der normalerweise wahrscheinlich sehr viele Leute gekommen wären, saßen nur acht Menschen in großem Abstand voneinander. Umarmungen, Händeschütteln und körperliche Nähe waren natürlich tabu. Das Ganze fand draußen statt und ich stand ohne Verstärkung und Mikrophon am Sarg und habe für die Trauernden gesungen. Das hat mir, neben dem plötzlichen Lockdown, auf krasse Art und Weise die Pandemiesituation vor Augen geführt. Den Trauernden etwas Trost durch meinen Gesang zu schenken, mitzufühlen ohne mitgerissen zu werden, war wirklich nicht leicht. Ich war aber auch dankbar für diese Erfahrung und für die Kraft der Musik und des Gesangs.


Auf jeden Fall bin ich fest davon überzeugt, dass es den Menschen auch in Zukunft nicht reichen wird, Musik zu streamen oder aus der Konserve zu hören. Es war in den wenigen Konzerten, die ich in diesem Jahr selber geben durfte oder auch besucht habe, ganz deutlich spürbar, dass die Zuhörer das Erlebnis regelrecht aufgesaugt haben als etwas sehr Wertvolles.

Und so viele Leute lieben es selbst zu singen, in Chören, in Bands, für sich allein, beim Rudelsingen usw. Das geht hoffentlich auch bald wieder unbeschwert. Ich durfte vor ein paar Tagen auf den Stationsfluren eines Krankenhauses Weihnachtslieder singen - natürlich mit allen dazugehörigen Hygieneregeln – und es war wirklich wunderbar, wie viel Spaß die Patienten hatten zuzuhören und vor allem mitzusingen.


Für euch habe ich was lustiges, weihnachtliches gebastelt und zwar eine richtige Frankensteinversion von „Last Christmas“. Wie das Monster ist der Song aus lauter Einzelteilen mit groben Nähten zusammengeflickt. Spannend finde ich daran, welche stimmlichen Möglichkeiten die Singenden nutzen, um Emotionen zu vermitteln, welche Emotionen das sind und wie unterschiedlich das in den verschiedenen Genres ist.

Hier der Link zum Song, wenn ihr draufklickt, öffnet sich ein neues Fenster zu Youtube.


Es geht los mit dem britischen Sänger Olly Murs, der einen richtigen Popsound hat, ziemlich hoch, eher clean und soft und ab und zu etwas hauchig. Seine Stimme vermittelt mir das Bild von dem netten Typen von nebenan. Durch ein leichtes Vibrato, ein paar Zieher und an- und abschwellende Töne klingt er sehnsüchtig und leidend, aber nicht extrem dramatisch. Der zweite Refrain ist von einer Rockband aus Litauen und erinnert stilistisch an Sänger wie Axl Rose von Guns N‘ Roses. Der Sänger singt etwas höher als Olly Murs und klingt dadurch, dass er lauter shoutet und die Stimme etwas Distortion, also Verzerrung, hat und eher eng und hart ist, deutlich aggressiver. Der ist also eher sauer als traurig. Danach singt Tom Gäbel einen Refrain im Jazzcroonerstil. Durch die Rhythmik und die entspannte Art zu singen klingt er lässig, hat aber dennoch einen markanten männlichen Stimmklang, der an Frank Sinatra erinnert. Die eigentlich traurige Liebesgeschichte nimmt man diesem lächelnd singenden coolen Sänger nicht so ab, da geht es wohl eher um ein gutes relaxtes Swingfeeling. Die erste Strophe wird von einem klassischen Sänger gesungen, dessen Namen ich leider nicht herausfinden konnte, aber interessant finde ich, wie extrem anders seine Stimme klingt, obwohl er in der selben Höhe singt wie Olly Murs. Später schaltet sich noch kurz eine klassische Sängerin dazu und ich kann mir nicht helfen, aber für mich ist so eine klassische Adaption eines Popsongs irgendwie nichts. Mir klingt das zu gewollt, zu fröhlich und überkandidelt. Danach hören wir Miley Cyrus, sehr rotzig, mit Distortion, Druck und einem unüberhörbaren Countrytwang. Sie schmeißt sich mit Schwung in die Interpretation, vermittelt aber auch Ironie und Coolness. Danach kommt die vierköpfige australische Gesangsformation Human Nature mit einem typischen perfekten und cleanen Boybandsound. Der Song ist hier A-Cappella gesungen, man hört also nur Stimmen und Bodypercussion ohne Instrumente. Den Refrain übernimmt die US-amerikanische Musicalsängerin Lea Michele in ihrer Rolle als Rachel Berry in der Fernsehserie Glee. Die Ästhetik des Gesangs ist sehr sauber, die Intonation perfekt und die Stimme fast vibratolos, dazu recht hoch klingend (z.B. im Gegensatz zu Miley Cyrus) und etwas eng, eigentlich der typische so genannte Disneybelt, ein Stimmsound, den man auch häufig bei den weiblichen Stimmen in amerikanischen Musicaltrickfilmen hören kann. Für mich klingt das nach unschuldigem Teenagermädchen. Danach singt Stefan Benz, ein Südafrikanischer Junge, der, wenn ich richtig recherchiert habe, bei der Songaufnahme 12 Jahre alt war. Ich habe ihn mit hereingenommen, weil man hier vor allem bei schnellen Tonwechseln deutlich die heute sehr beliebte Computerbearbeitung hören kann, die eine Stimme ganz gerade macht und perfekt auf den richtigen Ton bringt. Ob das gefällt ist reine Geschmackssache, Fakt ist aber, dass eine menschliche Stimme nicht so geradegezogen klingen kann, auch beim perfektesten Sänger nicht. Die nächste Strophe wird übernommen vom CK Gospel Choir mit der Solistin Emma May, die soulig phrasiert mit Vibrato, Fills und kleinen Verzierungen und Riffs. Das alles klingt gekonnt, warm und kultiviert. Und dann schreit uns in seinem Metal-Cover Leo Moracchioli aus Norwegen an. Die Stimme ist extrem geräuschhaft, der eigentliche Melodieton ist kaum zu erkennen, eine typische Art, im Metal zu singen, die sehr aggressiv und energiegeladen klingt. Mich erinnert es an die Stimmen von gefährlichen Tieren oder gruseligen Dämonen in Horrorfilmen. Erwachsene nutzen so einen Stimmsound wenn überhaupt eher in Extremsituationen, bei Kindern kann man ihn schon öfter, z.B. beim wilden Toben oder heftigen Wutanfällen, hören. Die nächste Sängerin, Ariana Grande, ist ein Superstar und verfügt über sehr große Stimmfähigkeiten. Hier singt sie mit sehr hoher Bruststimme und macht wendige kleine Verzierungen. Traditionell kommt diese Art zu singen aus dem Gospel, Blues und Soul, wo über diese Shouts und Licks viel emotionales Engagement und Energie vermittelt wird. Der letzte Refrain kommt von der witzigen Coverband Postmodern Jukebox, die Pophits in ein Vintagegewand kleidet, hier im Stil des in den 30er und 40er Jahren erfolgreichen US-Frauengesangstrios The Andrew Sisters. Auch das ist vom Ausdruck her weniger am etwas traurigen Liebeskummertext orientiert, sondern vermittelt eher Spaß, Tanzbarkeit und Energie.

Viel Spaß beim Hören!


Zum Abschluss möchte ich Euch nochmal mein Buch „Live Your Song“ ans Herz legen, das eignet sich übrigens auch hervorragend als Weihnachtsgeschenk, finden kannst Du es unter www.liveyoursong.de und im Buch-, Musikalien- und Onlinehandel.


Über Weiterempfehlungen, z.B. Bei Instagram, freue ich mich natürlich sehr, danke fürs Zuhören und frohe Weihnachten!!




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