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  • Nikola Materne

8) Singen und Angst: Ursachen und Tipps

Aktualisiert: Mai 7

In dieser Folge geht es um Angst, also Angst vorm Singen oder Angst beim Singen. Ein spannendes Thema, das ich demnächst gerne mal mit einem Studiogast besprechen möchte. Hier gibt es aber erst mal einen Überblick über mögliche Ursachen von Singängsten und hilfreiche Tipps, um damit besser umgehen zu können oder sie sogar abzubauen.



Erst mal vorneweg: Alle, die gerne singen, vom Badewannencaruso, über Karaokefan, Chorsänger, Hobbymusiker bis hin zu den bekanntesten Profisänger*innen, werden sicherlich begeistert zustimmen, wenn ich sage: „Singen macht glücklich“. Es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen darüber, was Singen alles Tolles in Körper und Psyche auslöst. Endorphine werden ausgeschüttet, Verspannungen gelöst, Depressionen gelindert, positive Energien aufgebaut. Das ist so spannend, dass ich mich in einer oder mehreren zukünftigen Podcastfolgen bestimmt damit beschäftigen werde.


Aber Singen macht auch Angst. Ich würde sogar sagen, dass eine meiner Hauptaufgaben als Vocalcoach darin besteht, Sängern und Sängerinnen dabei zu helfen, ihre Angst vorm Singen abzubauen. Zuerst wollte ich sagen, dass ich ihnen ihre Angst nehme, aber es geht tatsächlich darum, dass die Sänger einen guten Umgang mit der Angst erlernen und aktiv daran arbeiten, selber ihre Ängste abzubauen. Dass kann einem niemand abnehmen.


Ich erlebe auf jeden Fall immer wieder, wie stark Angst das Singpotential eines Menschen eingrenzen kann und umgekehrt, wie sich die Stimme entfaltet, wenn sie von Angst befreit wird.


Aber warum ist das eigentlich so? Warum können wir nicht einfach alle fröhlich und angstfrei drauflosschmettern? Und warum betrifft das, in mehr oder weniger großem Ausmaß, so viele Sänger? Und wovor haben Singende denn eigentlich Angst?


Starten wir mal in unserer Kultur: Hier in Deutschland gehört Singen nicht gerade zum selbstverständlichen Alltag. Klar, es gibt jede Menge Chöre, sangesfreudige Menschen, Vereinshymnen, Schlager usw… aber wenn man laut singend durch die Stadt läuft, wird man trotzdem oft komisch angeguckt. Singen – und übrigens auch Tanzen – ist für ganz viele Menschen per se schon mal peinlich, also schambesetzt. Viele trauen sich erst, wenn der Alkoholpegel hoch genug ist.

In Deutschland gibt es nicht, wie in vielen anderen Ländern, eine florierende, lebendige Volkslied und Volkstanzszene. Lediglich regional wird man hier fündig. Warum das so ist, können Musikhistoriker bestimmt besser beantworten als ich. Die Vermutung liegt aber nahe, dass die Nazizeit mit Krieg, Vertreibung und Ermordung von Millionen von Menschen und mit massiven Verboten und politischer Funktionalisierung um nicht zu sagen Missbrauch von Kultur einen wichtigen Teil dazu beigetragen hat.

Auch modernere deutsche Songs, die jeder singen kann, sind eher rar. Ich hatte mal ein wunderbares Erlebnis beim Bummeln in einem kleinen französischen Ort: In einem Geschäft lief das Radio und ein offensichtlich bekanntes Chanson wurde gespielt – und alle im Laden, Kunden und Verkäuferinnen, jung und alt, fingen an mitzusingen. Sowas hatte ich in Deutschland noch nicht erlebt.

Ein schleppend und leiernd gesungenes Kirchenlied in einer deutschen Messe ist gar nicht zu vergleichen mit einem voller Sangesfreude und Gesangstalent geschmetterten Gospel in einer Baptistenkirche in US-Amerika. In Irland wird in jedem Pub aufs Feinste musiziert, Demonstranten in Südafrika brüllen ihre Parolen nicht, sondern singen sie. Solche Beispiele könnte ich noch zu Hauf finden.

Halten wir also fest: Wenn es mal eine lebendige und freudige Gesangskultur in Deutschland gab, dann ist die leider schon lange nicht mehr flächendeckend vorhanden. Ich sehe allerdings Anzeichen, dass sich das langsam verbessert, zum Beispiel an der steigenden Zahl und vor allen Dingen der Qualität der Casting- und Studienbewerber. Schön sind auch solche Bewegungen wie „Jekiss“, kurz für „Jedem Kind seine Stimme“, die jedem Grundschulkind das Singen nah bringen und ermöglichen will, das ist nämlich leider gar nicht selbstverständlich.



Ein weiteres Phänomen, das in unserer westlichen Industriekultur weit verbreitet ist und in seiner Intensität meiner Wahrnehmung nach auch immer mehr zunimmt, ist der Optimierungswahn. Alles muss gut, vorzeigbar, schön, passend, glatt… sein. Und man kann in den sozialen Medien und in Shows dementsprechend gute, schöne, glatte Sänger*innen hören und sehen. Die Stimmen werden in Popproduktionen voll durchgetuned und mit Effekten aufgepimpt. Das ist ähnlich wie bei einer Fotobearbeitung, wo Filter dafür sorgen, dass Falten und Pickel verschwinden, Augen größer und Lippen roter werden. Dementsprechendes kann man eben im Studio auch mit Stimmen machen. Selbst, wenn etwas wie live gesungen wirkt, wie Auditions in Castingshows, Konzertmitschnitte oder Youtubevideos, kann man davon ausgehen, dass häufig auf sehr geschickte Art und Weise die Stimmen bearbeitet wurden - unauffällig, aber mit großer verschönender Wirkung. Deshalb ist man manchmal so dankbar, wenn in simplen Handyfilmchen Menschen einfach so singen, ohne Filter, selbst, wenn das nicht immer perfekt ist. Die Frage ist ja sowieso, ob perfekt auch immer gleich gut ist?? Perfekt kann auch stinklangweilig sein oder uns als Zuhörer vom Singenden sehr distanzieren… weil wir vielleicht auch bemerken, selbst wenn wir kein technisches Know-how haben, dass da irgendwas gebastelt wurde.

Die Messlatte liegt auf jeden Fall schon mal ganz schön hoch und wer sowieso dazu neigt, wenig Selbstvertrauen zu haben, der fängt womöglich gar nicht erst an zu singen. Oder liebt das Singen eigentlich, macht sich dabei aber permanent selbst runter. Die Angst vor den Urteilen anderer ist häufig natürlich auch groß. Es gibt dann wenig Raum fürs Ausprobieren und Lernen, also für Phasen, wo Dinge schief gehen oder blöd klingen. In diese Phasen muss man aber reingehen, wenn man sich entwickeln möchte.

Die Angst, etwas falsch zu machen, passt hier auch ins Bild. Also z.B. die falschen Töne oder den falschen Rhythmus zu singen. Zu mir in den Unterricht kommen auch immer mal wieder Menschen, die irgendwelche Glaubenssätze im Kopf haben - mit der damit verbundenen Angst, etwas Grundsätzliches beim Singen falsch zu machen, wenn sie dagegen verstoßen. Ein Beispiel: Meine neue Schülerin Franzi (sie heißt natürlich eigentlich anders) hat eine schöne Stimme, ist kreativ und experimentierfreudig und wenn sie mal gar nicht nachdenkt und einfach so drauflossingt, klingt das richtig gut. Sie hat aber schon als Jugendliche gelernt, dass der Bauch beim Singen immer unter Spannung sein muss und dass die Töne auf eine ganz bestimmte Art und Weise geformt werden sollen. Das geht soweit, dass sie glaubt, ohne diese Körpereinstellungen gar nicht singen zu können. Nach und nach lernt sie gerade, diese Angst loszulassen und ihrem Gefühl und ihren Ohren mehr zu vertrauen, als ihren festgefahrenen Glaubenssätzen.


Um weitere Singängste zu verstehen, muss man noch ein bisschen tiefer in die Psyche eintauchen. Was da so los ist, ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden, aber es gibt gewisse Muster, die auf viele Singende zutreffen.

So offenbart man durch das Singen ja eine Menge von sich selbst, auch unter Umständen Gefühle und Seiten, die man lieber verbergen würde, z.B. Unsicherheit, Rührung, Aggression usw. Manchmal verbirgt man solche Gefühle ja sogar vor sich selbst und kommt dann durch das Singen damit in Kontakt. Das fühlt sich unangenehm oder peinlich an, kann aber auch große Angst machen. Viele haben Sätze verinnerlicht wie: „Sei doch nicht immer so empfindlich“ oder „Nun übertreib' doch nicht immer so.“ Vermeidungsstrategien sind da vorprogrammiert. Immer cool sein wollen ist eine davon, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist.

Wer gelernt hat, lieber still und leise zu sein, hat unter Umständen Angst, laut zu singen, wer immer laut und stark sein will, hat Angst vor den zarten leisen Tönen. Wer gerne kontrolliert hat Angst vor wackeligen, wer sich klein und schwach macht vor den starken klaren Tönen.


Solche Ängste können nur in bestimmten Situationen auftauchen oder immer latent da sein. Manche haben vor allem Bühnenangst, auch Lampenfieber genannt, weil da Publikum mit im Spiel ist, andere trauen sich eigentlich nie, sogar wenn sie ganz alleine sind, frei herauszusingen. Manch einer kämpft sein Leben lang so stark mit den Ängsten, dass die Singlust irgendwann verschwunden ist, andere haben nur ab und zu ein Problemchen mit dem Thema. Ich habe sehr selten Menschen getroffen, die keinerlei Ängste, nicht mal klitzekleine, mit dem Singen verbinden. Solche Menschen sind ganz beneidenswert frei.

Und genau diese Freiheit wünschen sich doch eigentlich alle SängerInnen!

Und um auf mein Lieblingsthema, den ausdrucksstarken Gesang, zurückzukommen: Mit unserem Gesang möchten wir berühren und mitreißen, mit dem Publikum in Kontakt kommen, die Emotionen eines Songs zeigen – dabei steht Angst und ihre kleinen Geschwister „Hemmung“ und „Unsicherheit“ fast immer im Weg.



Wie versprochen gibt es deshalb hier ein paar Tipps:


- Versuche, den Perfektionismuswahn loszuwerden

Ich weiß, in einer Welt, des Filterns, Tunens und Pimpens ist das verdammt schwer. Jeder zeigt sich von seiner schönsten und bearbeitetsten Seite, aber so funktioniert das mit dem Singen nicht. Wir sind Menschen und Singen ist etwas menschliches, da geht auch mal was daneben. Da bricht dann mal die Stimme, ein Ton klingt nicht gut oder ist schief usw. - und das geht tatsächlich jedem so. Manchmal hilft es, gemeinsam mit anderen zu singen und dabei die verbindende Kraft des Singens zu fühlen und nicht das Trennende des Wettbewerbs und des Leistungsdrucks.


- Zeig dich und deine Gefühle

Wenn du emotional mauerst und immer cool sein willst, dann wird das mit dem Singen wirklich schwer. Da zeigst du nämlich im besten Fall eine Menge Herz und Seele und das ist ja eigentlich das Gegenteil von cool sein. Da darf dann auch Unsicherheit, Verletzbarkeit, Wut, Trauer, Albernheit, also das ganze Gefühlsspektrum, mit dabei sein.


- Mach dich ruhig mal zum Affen

Beim Spazierengehen lauthals singen, etwas lernen, das du noch nicht kannst, einen Schauspielkurs mitmachen, auf einer Party wild tanzen, such’s dir aus. Nicht umsonst müssen Schauspielschüler*innen in ihrer Ausbildung manchmal die peinlichsten Sachen machen und irgendwelche Tiere darstellen oder laut schreien auf der Bühne: Weil sie dadurch Hemmungen und Ängste vor Peinlichkeiten abbauen. Das macht das Spiel und auch den Gesang deutlich angstfreier.


- Den Geist umlenken

Das heißt nicht einfach ablenken, sondern wirklich umlenken. Du bist deinen Gedanken nicht einfach hilflos ausgeliefert, sondern kannst sie auf etwas anderes fokussieren. Du kannst dich auf dein Stimmgefühl konzentrieren, auf musikalische Aspekte, auf ein positives Körpergefühl oder deine Atmung. Ich bin großer Fan davon, sich auf den gesanglichen Ausdruck zu konzentrieren und dabei Gedanken und Körper mitzunehmen. Dein gefühlvoller Gesang bekommt mehr Raum, deine Angst weniger.


- Mentales Training

Stärke dich vor angsteinflößenden Situationen mit positiven, bestärkenden Sätzen wie: „ Ich werde das Singen genießen, auch wenn ich Angst habe.“ Oder „Ich singe mit Liebe und Freude, auch wenn mal was schief geht.“ Oder „Ich verschenke meinen Gesang an das Publikum“ oder „Ich nehme meinen Gesang an, so wie er ist.“ Es geht also nicht darum, sich Ängste wegzuquatschen, sondern die positiven Aspekte zu stärken, trotz bzw. mit den Ängsten.


- Spring ab und zu ins kalte Wasser

Klar, zu viel kaltes Wasser kann frustrieren oder sogar traumatisieren, aber wenn du gar nicht erst versuchst , auch mal in unsicherem Terrain zu schwimmen, kannst du dich nicht weiterentwickeln und wirst von deiner Angst in engen Grenzen gehalten. Dann bleibst du immer in deiner Komfortzone. Außerhalb davon kann auch mal was schief gehen, aber das ist, siehe oben, menschlich und passiert jedem mal.Ich habe immer wieder Situationen in meinem Sängerrinnenleben gehabt, bei denen ich mich sehr überwinden musste, weil sie mir Angst gemacht haben. Vom ersten Auftritt mit der Schulband in der vollbesetzten Schulaula über Improvisation vor Publikum bis hin zum Liveauftritt im Fernsehen. Und jedes Mal habe ich mich nachher ein bisschen freier gefühlt. Das ist dann quasi eine Konfrontationstherapie, wo man den beängstigenden Situationen nicht ausweicht, sondern sie durchsteht.


Mach dir klar, dass Angst nicht nur schlecht ist

Sie macht dich wach, aktionsbereit und leistungsstark. Ein Auftritt ganz ohne vorheriges Lampenfieber macht gar nicht so viel Spaß, der richtige Kick kommt durch das Adrenalin und die Aktivität.


Sei nett zu dir

Sammle in deinem Kopf nicht nur alles, was an deiner Stimme schlecht oder noch zu verbessern ist, sondern ganz bewusst auch die guten Dinge und alles, was du schon kannst.


Lass dir Zeit zu lernen

Der uralte Spruch: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ trifft auch hier zu. Klar, es gibt Leute, die haben vielleicht einfach so wenig Angst, was das Singen betrifft, ohne das groß üben zu müssen. Ich sehe aber in dem Spruch eher die Aufforderung dazu, sich Ruhe und die Zeit zu geben, um sich zu entwickeln. Irgendwann hat man seine Ängste vielleicht mal integriert und wird nicht mehr von ihnen bestimmt, aber das dauert.


- Schreib dir auf, was du am Singen liebst und was Dir das Singen gibt

Beschütze diese Liste als etwas sehr wertvolles. Immer, wenn Ängste oder negative Gedanken dir das Singen vermiesen, dann hol sie heraus und bestärke dich.



Wenn du noch intensiver an den Abbau deiner Ängste gehen möchtest, dann mach doch mal ein Coaching mit. Das kann grundsätzlich bei einem oder einer Psycholog*in sein oder auch bei jemandem, der oder die sich auf die Behandlung von Ängsten spezialisiert hat. Ich habe z.B. sehr positive Erfahrungen mit der Methode PEP gemacht, über die du bei Herrn Dr. Michael Bohne im Netz einiges zum Lesen finden kannst. Es gibt aber auch noch zahlreiche andere Lampenfieber-, Bühnen- und Anti-Angst-Trainings. Ein guter Vocalcoach wird dir bei diesen Themen sicherlich auch weiterhelfen können.



Zum Schluss noch zwei Hör- und Sehempfehlungen: Eine gute Hymne, die dich bestärken kann, das Unperfekte zuzulassen und den Lernprozess zu feiern ist der Song „Masterpiece“ von Jessie J. Und eine sehr schöne Szene von einer stimmlichen Entwicklung im Turbo von großer Angst hin zu Begeisterung und Freiheit findest Du im Trickfilm „Sing“ und als Ausschnitt auch bei Youtube: Da wird das völlig verängstigte Elefantenmädchen Meena von ihren Freunden nahezu auf die Bühne geschubst, beginnt ganz kläglich und entfaltet sich während des Songs zu einer wahren Gesangsbombe.


Danke fürs Lesen und viel Spaß beim Singen,

Nikola






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